Chronik Gemeinde Tempelhof

Foto: NAK Berlin-Brandenburg, 2007

Schon in den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende wohnten neuapostolische Glaubensgeschwister in Tempelhof. Diese ersten Geschwister von Tempelhof mussten zu den Gottesdiensten bis nach Schöneberg in die Merseburger Straße gehen. Das bedeutete für manche von ihnen an den Sonntagen viermal bis zu 1½ Stunden Fußmarsch.

Um es diesen Geschwistern leichter zu machen, mietete man im Jahre 1897 für sie in Tempelhof in der Berliner Straße 88 (jetzt Tempelhofer Damm 208) im ersten Stock des Hinterhauses eine Wohnung, bestehend aus Stube und Küche. Hier trafen anfänglich etwa 25 Geschwister zusammen. Zur Bedienung ihrer Seelen kamen jeweils Priester aus der Gemeinde Schöneberg.
Die Freude der Geschwister, jetzt nicht mehr so weite Wege gehen zu müssen, war riesengroß. Nun zeugten sie von den erlebten Gottestaten, wo sie nur konnten, und als 1900 der Bruder Paul Schulz das Unterdiakonenamt empfing, steigerte sich die Freude der Geschwister, weil sie jetzt auch eine Amtsgabe in der Gemeinde hatten.
1902 empfing er das Diakonenamt, und am 21. März 1903 vertraute ihm Apostel Krebs die nun selbstständige Gemeinde Tempelhof als Priester und Vorsteher an. Im Eifer und in der ersten Liebe stehend und mit dem Neuen Testament in der Tasche, ging es ans Zeugnisgeben und Einladen. Der Segen blieb nicht aus. Es kamen viele Seelen aus Tempelhof, Mariendorf, Südende und Lankwitz zu der kleinen Schar.

1904 konnte in der Moltkestraße 4 ein ehemaliger Pferdestall gemietet und zu einer Versammlungsstätte für die Gotteskinder umgebaut werden. Zu dieser Zeit zählte die Gemeinde ca. 90 Seelen. Nachdem bisher zur Begleitung des Gemeindegesangs nur eine Geige diente, wurde nun ein Harmonium angeschafft und im Jahre 1905 auch ein gemischter Chor gegründet.
Durch freudige Weinbergsarbeit entwickelte sich die Gemeinde weiter gut, und nach wenigen Jahren war auch dieser Raum wieder zu klein.

1908 waren es ca. 190 Seelen und damit der Raum während der Gottesdienste bei weitem überfüllt. Eine vorübergehende Entlastung gab es, als man im gleichen Jahr für die in Lankwitz wohnenden Geschwister da selbst einen Raum mietete und mit etwa 50 Seelen die Gemeinde Lankwitz gründete. Aber schon 1909, ein Jahr später, war Tempelhof wieder auf 174 Seelen angewachsen. Da bot sich die Gelegenheit, in der Friedrich-Wilhelm-Straße 9 (Hausnummer später geändert in Nr. 69) auf dem zweiten Hof im Erdgeschoß eine ehemalige Tischlerwerkstatt zu mieten und zu einem größeren Versammlungsraum umzugestalten. Dort kostete es viel Mühe und Aufopferung seitens der dienenden Brüder, um diesen Raum im Winter warm zu bekommen.
Zur kalten Jahreszeit musste der große eiserne Kanonenofen schon am Sonnabend vorgeheizt werden, damit es am Sonntagmorgen einigermaßen warm war. Zwischen sechs und sieben Uhr waren die Brüder dann sonntags früh zur Stelle, denn der Ofen rauchte gewaltig, und vor dem Gottesdienst musste gründlich gelüftet werden.
1910 gehörten zur Gemeinde 186 Seelen, und im Jahre 1912 waren es 223 - für den knappen Raum zu viel. Deshalb wurde mit 80 Geschwistern 1912 die Gemeinde Mariendorf gegründet. So verblieben in Tempelhof noch 145 Geschwister.
1914 - 1918, während des ersten Weltkrieges, trat ein Stillstand im äußeren Wachstum der Gemeinde ein. Zu dieser Zeit lag Bischof Hartmann aus Karlsruhe, der spätere Apostel, als Soldat im Reservelazarett Tempelhof, dem jetzigen Wenckebach- Krankenhaus. Er war häufig Gast in der Gemeinde.
1919 bestanden große Sorgen um die Versammlungsstätte, weil der Mieterrat des Hauses an den Eigentümer die Forderung stellte, die uns überlassene Werkstatt wieder als Wohnraum zu vermieten. Dieses Ansinnen lehnte jedoch der Hauswirt schließlich ab, und die Gemeinde brauchte sich nicht um ein neues Lokal zu bemühen.
1920 war die Gemeinde 142 Seelen stark. Jetzt setzte auch die Weinbergsarbeit wieder ein, und die Gemeinde begann zu wachsen. Ende der zwanziger Jahre hatte sie wieder weit über 200 Seelen. Für so viele Geschwister reichten die Plätze nicht mehr aus, so dass lange Zeit hindurch die Gemeinde nur geteilt und wechselseitig, die eine Hälfte am Vormittag, die andere Hälfte nachmittags zu den Gottesdiensten kommen konnte.

Foto: NAK Tempelhof (links 1930, rechts 1934)

Die Jugend der Gemeinde versammelte sich im Sommer abends im Freien und während des Winters umschichtig in den Wohnungen der Eltern. Auch ihre Zahl wuchs. Wenn die Sitzgelegenheiten nicht mehr ausreichten, musste die »Apostolische Bank« aufgestellt werden, d.h. über zwei Stühle wurde ein Plättbrett gelegt! Auch der Jugend drohte die Aufteilung in mehrere Gruppen.
Apostel Lax sah diese Zustände, und es lag ihm sehr am Herzen, hier so schnell wie möglich Abhilfe zu schaffen. 1929 ließ er deshalb auf einem zuvor gekauften Gartengrundstück in der Manteuffelstraße 4b einen Kirchenneubau mit 350 Sitzplätzen und zwei Wohnungen erstellen. Die Einweihung fand am 26. Oktober 1929 statt. Die Gemeinde zählte zu dieser Zeit 244 Seelen.
Auf der Empore der neuen Kirche konnte sich sonntags abends eine freudige Jugend versammeln und im Austausch von Erlebnissen und Erfahrungen sowie am Vortrag eigener Gedichte und Lieder erfreuen. Für diese Tempelhofer Jugendgruppe vertonte der Gründer und Dirigent des Berliner Schulchores, Max Hölting, auf Bitte des Jugendleiters im Oktober 1931 das »Jugendlied« (in anderer Fassung heute in der Chormappe Nr. 95), welches am 28. Dezember erstmalig der Jugendchor Tempelhof vortrug. Zwölf junge Brüder musizierten in einem Streicherchor. An Wochentagen gingen die jugendlichen Brüder paarweise von Haus zu Haus, treppauf, treppab, um Menschenherzen Zeugnis zu geben und zum Be such der Gottesdienste einzuladen.
1935 versetzte Apostel Landgraf den Vorsteher Paul Schulz in den Ruhestand. Er diente der Gemeinde 35 Jahre lang und hatte ihren Werdegang von den ersten kleinen Anfängen an bis zu ihrer nun schon stattlichen Größe miterlebt und mit gestaltet. Wie viel Arbeit und Mühe, wie viel Liebe und Aufopferung waren dafür notwendig! Aber der Herr hat alle Mühen und die vielen Opfer reich gesegnet. Am gleichen Tage, dem 26. März 1935, erhielt die Gemeinde in dem Priester Curt Gerlach einen neuen Vorsteher.

1939 bis 1945, während des zweiten Weltkrieges, zeigte sich deutlich, dass unser himmlischer Vater immer wieder seine schützende Hand über die Versammlungsstätte der Tempelhofer Gotteskinder hielt. Durch den Luftdruck der in der näheren und nächsten Umgebung niedergehenden Bomben flogen zwar oft die Fenster und Türen heraus, der Innenraum war mehrmals über und über mit Scherben und Schmutz bedeckt. Mehr als einmal trafen Brandbomben das Haus, das Dach wurde dabei etwa fünfzehnmal abgedeckt. In gemeinsamer Arbeit der Brüder und Geschwister wurde es immer wieder ausgebessert, um den Regen abzuhalten. Die neuen Dachsteine dazu trug die Jugend auf den Boden. Viele Male mussten Fenster eingesetzt und Türen hergerichtet werden.
1946 bezog Apostel Landgraf eine der Kirchenwohnungen im Obergeschoß. 1947 erhielt der Kirchenraum bei der Renovierung auch neue Fenster.
Nach dem Kriege erwies sich die Kapelle als zu klein, weil nun viele Geschwister aus den zerbombten Gemeinden der Umgebung nach Tempelhof zu den Gottesdiensten kamen.
Unter der segensreichen Arbeit des Hirten Gerlach, verbunden mit den treuen Amtsbrüdern und Geschwistern, erhielt die Gemeinde in den Nachkriegsjahren neuen Aufschwung. Es stellte sich ein starker Zugang an Seelen ein, die versiegelt werden konnten. So zählte die Gemeinde in diesem Jahr 533 Mitglieder.
1949 waren es sogar 606 Seelen. Durch das Aufstellen von allen möglichen zusätzlichen Sitzgelegenheiten, z.B. Bänken vor den Fensterfronten, Stühlen im Vorraum, auf der Empore und im Mittelgang, konnte das Fassungsvermögen der Kirche von 350 auf 500 Plätze erweitert werden.
Da gab Apostel Landgraf den Auftrag, für den benachbarten Bezirk Kreuzberg eine Gemeinde ins Leben zu rufen. So kam es von Tempelhof aus am 29. Juni 1949 zur Gründung der Gemeinde Berlin-Kreuzberg. Es sind 150 Tempelhofer Geschwister und 45 neu versiegelte Seelen dorthin überwiesen worden. Ende des Jahres blieb immer noch ein Bestand von 551 Seelen in Tempelhof.
Und die Gemeinde vermehrte sich weiter! Allein 1949 konnten 145 Seelen und 1950 weitere 109 Seelen versiegelt werden, so dass die Gemeinde an Mitgliedern im Jahre 1952 bereits 670, im Jahre 1955 schon 734 und 1960 schließlich 833 Seelen zählte, womit sie ihren höchsten Mitgliederstand erreichte.
1950, als Stammapostel Bischoff nach acht Jahren mit allen deutschen Aposteln zum ersten Male wieder nach Berlin kam, begrüßte ihn Apostel Landgraf im Kreise vieler Geschwister vor der Tempelhofer Kirche herzlich und freudig.
Bevor der Stammapostel am Sonntag, dem 7. Mai 1950, am Vormittag zum Gottesdienst fuhr, begrüßte er die versammelten Geschwister der Gemeinde Tempel- hof. Der Gottesdienst am Nachmittag wurde aus dem Titania-Palast über Postkabel auch nach Tempelhof übertragen.
Am Montagvormittag, dem 8. Mai, fand in Tempelhof eine Apostelversammlung statt, zu der das Kirchenschiff von den Amtsträgern und der Jugend am Abend zu vor in einen Konferenzsaal umgestaltet worden war.

Fotos: NAK Tempelhof, 1952

1954 bestand die Kapelle Tempelhof 25 Jahre! Die Jugend gedachte des besonderen Tages am 26. Oktober 1954 mit einem Rückblick in Wort und Lied. Eine Tageszeitung berichtete von dem Jubiläum. Die Jugendgruppe stand im Eifer und in der Freude des Herrn. Begabte junge Brüder schrieben Gedichte und komponierten Lieder. Zwei junge Tempelhofer Schwestern waren dazu ausersehen, jeweils den Stammapostel im Titania-Palast, im Sportpalast oder in den Funkturm hallen vor seinen Gottesdiensten am Altar mit Gedicht und Blumenstrauß will kommen zu heißen.
In diesem Jahre traten neunzehn junge Christen vor den Altar, um das Glaubensgelöbnis zu erneuern und den Segen zur Konfirmation zu empfangen. Achtundvierzig Kinder nahmen an der Sonntagsschule teil. Stolze Zahlen, die weder vor her noch nachher erreicht wurden!
Am 9. April 1967 versetzte Apostel Knigge den Vorsteher und Hirten Curt Gerlach in den Ruhestand. Er diente der Gemeinde fünfundzwanzig Jahre lang. Der Gemeindeevangelist Erich Freitag betreute nun die Gemeinde.
Am 12. Januar 1969 setzte Apostel Steinweg den Gemeindeevangelisten Erich Freitag in den Ruhestand. Er diente der Gemeinde achtzehn Jahre lang als Amtsträger.
Priester Heinz Dümke erhielt im gleichen Gottesdienst aus der Hand des Apostels das Evangelistenamt und den Auftrag, der Gemeinde Tempelhof als Vorsteher zu dienen.

Fotos: Detlef Holderbaum (li), NAK Tempelhof (re), 1979

Am 11. November 1984 setzte ihn Apostel Steinweg nach fünfzehnjähriger Tätigkeit als Vorsteher in einem feierlichen Gottesdienst in den Ruhestand. Neuer Vorsteher wurde der Priester Karlheinz Hänisch aus der Gemeinde Lankwitz, dem der Apostel zugleich das Evangelistenamt anvertraute.

Im März 1986 verkündete Stammapostel Urwyler die Eigenverantwortung beim Genuss des heiligen Abendmahles.

Besuch des Stammapostels Urwyler.
Der 03. Mai 1986 wurde für die Gemeinde Tempelhof durch den Besuch des Stammapostels ein ganz besonderer Tag. Eingeladen waren aus allen drei Ältestenbezirken die Konfirmanden des Jahres 1986, der Männerchor des Bezirkes Neukölln und alle Amtsträger der Gemeinde mit ihren Frauen. Um 18 Uhr traf der Stammapostel mit seiner Begleitung in Tempelhof ein. Ihn begleiteten die Bezirksapostel Karl Kühnle (Württemberg), Wilhelm Pusch (Berlin-Ost), Alfons Tansahtikno (Indonesien) und Arno Steinweg, die Apostel Yusak Saptohadiprayitno (Indonesien), Fritz Schröder (Berlin-Ost), Erwin Wagner (Kanada), Berthold Woll (USA) und die Bischöfe und Bezirksämter der Apostelbezirke Niedersachsen und Berlin.
Unter anderem sagte Urwyler in dieser Feierstunde: „Man hat mir auch gesagt, dass hier in diesem Haus der liebe Bezirksapostel Landgraf gelebt hat. Das hat meine Seele auch erfreut, denn wir gedenken auch immer dieser Männer, die vor uns das Werk Gottes gebaut haben und dadurch den Grundstein gelegt für alles, was wir heute haben. Wenn diese Männer nicht gearbeitet hätten, wäre heute viel, viel weniger. Deshalb kommt es auf jeden einzelnen an. Niemand möge denken, ich bin ja nur ein kleiner Mann oder eine kleine Frau, auf mich kommt es nicht an. Gerade auf Dich kann es ankommen, ob ein Mensch, eine Menschenseele den Weg in das Haus Gottes findet. Dafür sind wir eben gesetzt, Wegweiser oder Leuchttürme in dieser Zeit zu sein, in der wir leben.“

Am Sonnabend, den 29. Oktober 1988 veranstaltet die Gemeinde ihren ersten „Tag der offenen Tür“. Der Anlass war das 60jährige Jubiläum der Kirchenweihe. Die Umfangreichen Vorbereitungen begannen am 25. April 1988. Eine für diesen Zweck gegründete Arbeitsgruppe von ca. 20 Geschwistern entwickelte Ideen und Vorschläge zur Gestaltung dieses Tages. Wir wollten einem möglichst großen Personenkreis unsere Kirche und das gesamte Werk Gottes vorstellen. Die Werbung beanspruchte einen erheblichen Teil der aufgewendeten Vorbereitungszeit und der finanziellen Mittel. Bei der Vereinigten Verkehrs- Reklame der BVG bestellten wir 154 Plakatanschläge, die in den Bezirken Steglitz und Tempelhof an Litfasssäulen, und 105 Plakate, die in den U-Bahnlinien U6 und U7 ausgehängt wurden. 1.700 Einladungen verteilten wir in der näheren Umgebung der Kirche. Presseinformationen gingen an die Tageszeitungen, die dann auf unsere Veranstaltung aufmerksam machten.
Am 29.Oktober 1988 öffneten wir die Kirche um 13:00 Uhr. Die vielen Ausstellungstafeln und die vorbereiteten Anschauungsmaterialien fanden ein reges Interesse. Neben 91 Gästen, mit denen wir einen regen Gedankenaustausch hatten, besuchten uns viele Geschwister aus den Nachbargemeinden. Bei Kaffee und Kuchen fand man schnell einen Anknüpfungspunkt zum Gespräch. Für die Kinder unserer Gäste hatte die Sonntagsschule ein eigenes Programm. Sie bastelten gemeinsam an der Arche Noah, elf kleine Gäste bastelten mit. Der Bezirksbürgermeister Jaroch und einer seiner Berater besuchten, unserer Einladung folgend, unser Fest. Ihm war die Tatsache, dass der Gemeindevorsteher nicht von der Gemeinde gewählt wurde, völlig fremd. Erstaunt war er, dass man sich für diesen „Posten“ nicht bewerben kann, sondern von einem Apostel mit der Leitung betraut wird. Gegen 17:15 Uhr beendeten wir diesen Tag mit einem Dankgebet.
Zusammenfassend war dieser Tag für Mitwirkende und Gäste ein in jeder Hinsicht positives Erlebnis. Die gemeinsame Arbeit förderte die Gemeinschaft. Die Gäste hatten, nach ihren Aussagen, einen guten Eindruck von der ihnen bis dahin unbekannten Kirche.

In den Folgejahren veranstalteten wir auch diese „Tage der offenen Tür“ mit verändertem Programm.
Für einen dieser Tage bastelten unsere Schwestern ein Gastgeschenk: Ein Gesteck aus getrockneten Gräsern und Blumen in einem Körbchen gefasst. 45 dieser Gestecke schenkten wir am Ende der Veranstaltung unseren Gästen. Damit war die Bitte verbunden: „Immer, wenn Sie dieses Gesteck sehen, denken Sie bitte an uns.“

Fotos: Baumgart, NAK Tempelhof, links 1981, rechts 1992

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, so überraschend wie sie am 13. August 1961 gebaut wurde, verschwand die Berlin in zwei Teile trennende „Mauer“.

Im Februar oder März 1990 wurde die Seniorengruppe der Gemeinde Tempelhof gegründet. Dieser Gründung ist ein Ereignis vorauf gegangen, dass noch heute, Jahre nach dem Geschehen, tiefe Besorgnis auslöst.
Evangelist Hänisch berichtet:
„Schwester Thau, etwas über 80 Jahre alt, war, was wir schlicht „eine Seele“ nennen. Etwas ruppig in ihrer Art. Sie war bis über die Pensionsgrenze hinaus als Stationshilfe in einem Krankenhaus tätig. Sprach man mit ihr, spürte man den weichen Kern, der hinter der rauen Schale steckte. Auf ihre Gehhilfe gestüzt, ging sie den kurzen Weg zur Kirche und hatten für jeden, den sie traf, ein freundliches Wort. Nach dem ersten Gottesdienst, den ich als neuer Vorsteher in der Gemeinde hielt, kam Schwester Thau zu mir und sagte: „Ick heiße Thau, damit set wissen.“ Das konnte man nicht vergessen.
Da sie keinen Gottesdienst versäumte, fiel ihr Fehlen an einem Mittwochabend auf. Am Sonntag Vormittag war sie auch nicht da. Ihr Priester ging zu ihrer Wohnung und fand keinen Einlass. Er rief die Polizei. Gemeinsam öffneten sie die Wohnungstür. Sie fanden Schwester Thau hilflos vor ihrem Bett liegend. Ein leichter Schlaganfall hatte sie bewegungsunfähig gemacht. Die Feuerwehr brachte sie in ein Krankenhaus. Die Stationsärztin, mit der ich am nächsten Tag sprach, sagte: „Die Frau muss mindestens drei Tage oder länger keine Flüssigkeit zu sich genommen haben. Der Grad ihrer Austrocknung war bedenklich. Sie hätte keinen Tag länger überlebt.“
Dieser „Unfall“ hat mich erschüttert. In ihrer näheren Umgebung wohnten viele Geschwister. Warum ist ihnen das Fehlen der Schwester nicht aufgefallen? Sie hatte wie viele ihrer Altersgenossinnen keinen Kontakt zu ihren Geschwistern. Um so einen „Unfall“ in der Zukunft zu vermeiden, habe ich die Seniorengruppe gegründet. Es ist das Ziel dieser Gruppe, sich innerhalb der Gemeinde besser zu kennen und zu verstehen. Miteinander, nicht nebeneinander den Glaubensweg zu gehen. Natürlich ist die Seniorengruppe ein Angebot, keine Zwangsveranstaltung. Zwei Jahre später haben wir ein Senioren-Notruftelefon eingerichtet. Über diese Rufnummer kann in einer Notsituation „erste Hilfe“ geleistet werden.“

Am 18. August 1990 starteten wir, zusammen mit der Gemeinde Lankwitz mit dem Fahrgastschiff MS Becher der „Weißen Flotte Treptow“ von der Stubenrauchbrücke am Teltowkanal zu unserem ersten Gemeindefest, oder nennen wir es besser Gemeindeausflug. Das Ziel der Schifffahrt war Neuhelgoland, Für uns alle in zweierlei Hinsicht ein besonderes Erlebnis. Erstens war doch dieser schöne Teil Berlins, in den wir fuhren, über Jahrzehnte unerreichbar. Die Fahrstrecke führte durch den Teltowkanal, die Spree, den großen Müggelsee, die Müggelspree, den Gosener Kanal, über den Seddinsee und Langersee, die Dahme und dann zurück zum Teltowkanal. Zweitens hatten wir außerhalb der Gottesdienste die Gelegenheit miteinander zu plaudern, uns näher kennen zu lernen. An Bord verwöhnte uns ein kaltes Buffet der Mitropa. Die Stimmung war großartig, das Wetter prächtig. Am Wendenschloss gingen wir für eine Stunde an Land. Diesen „Landgang“ nutzten wir zu Spiel und Spaß mit unseren Kindern. Gegen 17:00 Uhr, wieder an der Anlegestelle Stubenrauchbrücke angekommen, endete dieser erste Ausflug.

Ordination Bischof Katens am 28. Oktober 1990 durch Stammapostel Richard Fehr in Braunschweig.

Nach dem Fall der Berliner Mauer, war die Vereinigung der bisher getrennten Teile des Apostelbezirkes Berlin nur noch eine Frage der Zeit. Am 5. Januar 1992 vollzog Stammapostel Fehr in einem Gottesdienst in der Gemeinde Lichtenberg die Vereinigung. Der gesamte Apostelbezirk war durch Satelliten-Übertragung mit diesem Gottesdienst verbunden. Bezirksapostel Steinweg leitete den Apostelbezirk Berlin-West fast 32 Jahre. Er war damit in diesem Bezirk länger tätig, als alle Bezirksapostel vor ihm.

Am 17. Mai 1992 besuchte uns unser neuer Bezirksapostel Fritz Schröder in Tempelhof. In diesem Gottesdienst wurden vier Unterdiakone in der Diakonenamt gesetzt.

Am 31. Dezember 1992 sonderte der Bezirksapostel in der Gemeinde Nord I den bisherigen Gemeindeevangelisten der Gemeinde Wilmersdorf, Jürgen Jeßke, zum Bezirksältesten und Leiter des Unterbezirks Schöneberg aus. Damit bekam der Bezirk Schöneberg nach 10 Jahren wieder einen eigenen Bezirksvorsteher.

Im Oktober 1997 besteht die Gemeinde Tempelhof 100 Jahre. Das genaue Gründungsdatum wurde nicht festgehalten. In den ersten Jahren lag das Augenmerk der Brüder und Geschwister auf anderen Dingen, Sie hatten mit der Festigung der Gemeinschaft und der Ausbreitung der Apostellehre vorrangige Aufgaben. Die Registrierung von Daten, also das Festhalten der historischen Ereignisse, begann erst mit der Einführung der Kirchenbücher. Dennoch haben wir Grund zur Dankbarkeit.
Der Eifer für des Herrn Werk, die nicht erlahmende Freude im Glauben, waren die Basis für die Entwicklung der Gemeinde. Wir verdanken diesen Helden und Heldinnen des Glaubens sehr viel. Also verzeihen wir ihnen gerne dieses Versäumnis.

(Aus „Neuapostolische Kirche, 100 Jahre Gemeinde Tempelhof 1897-1997“)

Die Jahre 1997 bis 2006 folgen.

Fotos: Gabi Grunske, 2006
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